Gemhunt Southeast Asia: Was mich an Edelsteinen immer noch überrascht
- hemmerle8
- 18. März
- 3 Min. Lesezeit
Der Markt
Es gibt Momente auf einer Einkaufsreise, in denen ich vergesse, dass ich hier bin, um zu arbeiten. Wenn ein Händler eine kleine weiße Dose öffnet und darin ein Stein liegt, dessen Farbe ich so noch nie gesehen habe. Dann stehe ich da, auf einem Markt in Südostasien, zwischen Plastikstühlen und Neonröhren – und halte etwas in der Hand, das in Millionen von Jahren entstanden ist.
Ich bin gerade von meinem diesjährigen Gemhunt in Südostasien zurück. Ein paar Tage, die sich anfühlen wie Wochen, weil jeder einzelne voll ist mit Entscheidungen, Begegnungen und Steinen, die man nicht vergisst.
Wer sich einen Edelsteinmarkt in Asien wie eine Schmuckmesse in Europa vorstellt, liegt falsch. Hier gibt es keine weißen Wände und keine Spotlights. Die Märkte sind laut, überdacht mit Wellblech, die Tische stehen eng. Händlerinnen sortieren Jade-Armreifen neben Perlenketten neben Farbsteinen, die in Reihen in Schaumstoffkästen liegen wie eine geologische Bibliothek.
Was der Markt erzählt
Jede Reise hat auch eine Stimmung – ein Thema, das sich durch die Gespräche mit Händlern zieht. Dieses Jahr war es eindeutig: Granate. Überall wurden sie gesucht, gehandelt, diskutiert. Allen voran Mandarin-Granat – ein Stein in einem so intensiven Orange, dass Kenner ihn schlicht "Fanta-Farbe" nennen. Daneben Tsavorit, der grüne Granat aus Ostafrika, der seit Jahren leise an Bedeutung gewinnt.
Die Granat-Familie ist eine der vielfältigsten unter den Edelsteinen. Von Grün über Orange bis Tiefrot – kein anderes Mineral bietet eine solche Bandbreite. Gleichzeitig werden große Exemplare immer seltener. Steine über zehn Karat in guter Qualität tauchen am Markt kaum noch auf.
Auch Spinelle waren in diesem Jahr besonders gefragt. Sammler und Kenner wissen längst, was der breite Markt noch lernt: dass ein feiner Spinell einem Rubin in nichts nachsteht, außer im Preis.
Warum Farbe gerade gewinnt
Der Farbsteinmarkt entwickelt sich so positiv wie seit Jahrzehnten nicht. Die Menschen wünschen sich Farbe. Auch die großen Haute-Joaillerie-Häuser setzen verstärkt auf farbige Edelsteine statt auf den klassischen Diamant-Solitär.
Farbsteine sind nicht die Alternative zum Diamanten – sie sind die Erweiterung des Möglichen. Ein Diamant ist weiß. Ein Farbstein erzählt eine Geschichte.
Primär und Sekundär: Woher die Steine wirklich kommen
In Südostasien begegnet man häufig Steinen aus sogenannten Sekundärfundstätten – die Steine wurden nicht dort abgebaut, wo sie ursprünglich entstanden sind, sondern über geologische Zeiträume durch Erosion und Wasser verlagert. Sie tauchen in Flussbetten und Schwemmland auf, oft weit entfernt von ihrer primären Quelle.
Das ist kein Nachteil – im Gegenteil, manche der schönsten Steine stammen aus Sekundärlagertstätten. Aber es bedeutet, dass die Herkunft schwerer zu bestimmen ist. Genau deshalb ist Expertise so wichtig.
Fünf Steine, die mich nicht losgelassen haben
Der Spinell
Wenn mich jemand fragt, welcher Stein gerade am meisten unterschätzt wird, sage ich seit Jahren: Spinell. Dieser hier bestätigt das. Ein Cushion-Cut, kräftig rot mit einem Hauch Pink, der im Tageslicht leuchtet, als hätte jemand eine Kerze dahinter gestellt.
Historisch wurde der Spinell jahrhundertelang für einen Rubin gehalten. Der berühmte "Black Prince's Ruby" in der britischen Krone ist in Wahrheit ein Spinell.
Die Turmaline
Ein gematchtes Paar bicolorer Turmaline. Elongierter Emerald-Cut, jeweils mit einem Farbverlauf von warmem Cognac über ein sattes Grün bis hin zu einem kühlen Mintton. Die beiden Steine sehen aus wie Geschwister – ähnlich genug, um zusammenzugehören, unterschiedlich genug, um interessant zu bleiben.
Die Neon-Tansanite
Neon-Tansanit. Ein intensives, elektrisches Blauviolett, das fast surreal wirkt. Cabochons haben keinen Facettenschliff – die gewölbte, glatte Oberfläche lässt das Licht anders arbeiten. Statt zu funkeln, glühen sie.
Der Kunzit
Ein großzügiger Emerald-Cut in einem zarten Rosa-Violett, das je nach Lichteinfall zwischen Flieder und warmem Pink pendelt. In der Hand gehalten wirkt er fast wie eingefrorenes Abendlicht.
Die Cat's Eyes
Zwei Chrysoberyll-Cabochons mit ausgeprägtem Katzenaugeneffekt – Chatoyance. Wenn man die Steine unter einer einzelnen Lichtquelle dreht, wandert eine helle, scharfe Linie über die gewölbte Oberfläche. Man muss nichts über Edelsteine wissen, um bei einem Katzenauge stehen zu bleiben und zu staunen.
Was bleibt
Jede Reise bringt Steine mit nach Hause. Aber sie bringt auch Eindrücke mit, die in kein Zertifikat passen. Die Art, wie eine Händlerin in Bangkok einen Stein ins Licht hält, mit einer Selbstverständlichkeit, die von dreißig Jahren Erfahrung zeugt.
Die Steine aus dieser Reise sind jetzt in meinem Atelier in München. Manche warten auf das richtige Projekt. Manche auf die richtige Person.
Wenn Sie neugierig geworden sind – ich zeige Ihnen gerne, was ich mitgebracht habe. Am liebsten bei einem Kaffee im Atelier.
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