In den Auktionssälen passiert seit einigen Jahren etwas Bemerkenswertes: Die ältesten Diamanten im Raum bekommen die jüngsten Bieter. Old Mine Cuts, Old European Cuts, Steine, die vor hundert und mehr Jahren von Hand geschliffen wurden, wandern in Verlobungsringe von Leuten, die alles Moderne haben könnten. Das ist keine Nostalgie. Das ist, wenn man genau hinsieht, die logischste Kaufentscheidung im ganzen Diamantenmarkt.

Was ein alter Schliff eigentlich ist

Bis in die 1930er-Jahre wurde jeder Diamant von Hand geschliffen, nach Augenmaß, bei Tageslicht oder Kerzenschein. Der Old Mine Cut, grob 1700 bis 1890, hat einen kissenförmigen Umriss, weil er der Form des Rohkristalls folgte. Der Old European Cut, etwa 1890 bis 1930, wurde runder, blieb aber bei der alten Architektur: hohe Krone, kleiner Tisch, große, großzügige Facetten und häufig eine offene Kalette, das kleine Fenster an der Unterseite, durch das man in den Stein hineinschauen kann.

Dann kam 1919 Marcel Tolkowskys Berechnung des modernen Brillanten, und mit ihr die Maschine. Seitdem werden Diamanten auf maximale Lichtausbeute optimiert. Jeder moderne Brillant ist darin exzellent. Und genau darin liegt das Problem: Sie sind alle exzellent auf dieselbe Weise.

Ein moderner Brillant blitzt. Ein alter Schliff atmet. Er wurde für Kerzenlicht geschliffen, nicht für die Halogenlampe im Laborraum.

Warum sie anders leuchten

Die alten Proportionen tun etwas, das moderne Steine nicht können: Sie zerlegen das Licht in große, langsame Blitze statt in feines Glitzern. Fachleute nennen es Feuer, ich nenne es Charakter. Bei einem Abendessen, im Restaurant, bei Kerzenlicht wirft ein Old European Cut breite Farbblitze über den Tisch, wo ein moderner Brillant nur weiß flimmert. Wer einmal beide nebeneinander im Halbdunkel gesehen hat, versteht in Sekunden, wovon Sammler schwärmen.

Ein Old Minor Cut aus meinem Bestand, in Tageslicht gefilmt. Kein Studio, keine Tricks.

Warum gerade jetzt

Drei Gründe treiben die Rückkehr, und keiner davon ist Mode.

Echte Knappheit. Es werden keine alten Schliffe mehr hergestellt, aus einem einfachen Grund: Die Ära ist vorbei. Schlimmer noch für das Angebot, besser für den Besitzer: Über Jahrzehnte wurden Altschliffe massenhaft auf modern umgeschliffen, weil der Handel sie als unperfekt betrachtete. Jeder dieser Umschliffe hat ein historisches Exemplar unwiederbringlich vernichtet. Der Bestand kann nur schrumpfen.

Individualität statt Logo. Kein alter Schliff gleicht dem anderen, weil jeder von einer anderen Hand geschliffen wurde. Wer heute bewusst keinen Markennamen auf der Schatulle will, sondern einen Stein mit eigener Handschrift, landet fast zwangsläufig hier.

Die ehrlichste Nachhaltigkeit. Ein Stein, der seit hundert Jahren über der Erde ist, verursacht keinen neuen Abbau, keinen neuen Energieverbrauch, keine neuen Transportketten. Wer die Ökobilanz-Debatte um Diamanten ernst nimmt, findet im Altschliff die eleganteste Antwort.

Die drei wichtigsten alten Schliffe

Old Mine Cut — kissenförmig, hohe Krone, die älteste Form. Für Sammler oft die begehrteste.

Old European Cut — runder Umriss, das Bindeglied zur Moderne. Die eleganteste Wahl für Verlobungsringe.

Übergangsschliffe — die kurze Phase um 1930, in der Handarbeit und neue Proportionen zusammenkamen. Kenner-Territorium.

OLD MINE CUT um 1700–1890 Kissenform, von Hand geschliffen kleine Tafel, hohe Krone breites, langsames Feuer OLD EUROPEAN CUT um 1890–1930 rund, von Hand geschliffen kleine Tafel, große Facetten für Kerzenlicht gedacht MODERNER BRILLANT seit 1919, nach Tolkowsky maschinell, 57 Facetten große Tafel, flache Krone weißes, feines Glitzern TAFEL KRONE RONDISTE PAVILLON KALETTE

Drei Schliffe, drei Charaktere: Profil, Draufsicht und das, was am Handgelenk davon bleibt.

Worauf Sie beim Kauf achten sollten

Erstens: das Zertifikat. Auch ein hundert Jahre alter Stein gehört unabhängig geprüft, bei GIA laufen Altschliffe meist als „Circular Brilliant" mit entsprechenden Anmerkungen. Zweitens: der Originalzustand. Ein „verbesserter" Altschliff, dem jemand die Kalette geschlossen oder den Rondisten nachgeschliffen hat, hat seinen historischen Wert bereits verloren. Drittens: die Proportionen als Charakter lesen, nicht als Fehler. Ein etwas asymmetrischer Umriss, eine großzügige Kalette, das ist die Handschrift des Schleifers, der vor vier Generationen an diesem Stein saß.

Und viertens: die Fassung. Ein Altschliff in einer Fassung von der Stange wirkt wie ein Ölgemälde im Plastikrahmen. Die hohe Krone braucht Raum, das Licht muss von der Seite an den Stein. Einen meiner liebsten Aufträge der letzten Zeit, einen Old European Cut zwischen Baguetten in Platin, habe ich in drei Tagen gebaut und persönlich nach Rom gebracht. Der Stein hatte es eilig, seine Frage zu stellen.

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Mein Blick als Händler

Ich kaufe alte Schliffe aktiv ein, auf Auktionen, aus Nachlässen, im Handel, und ich gebe zu: auch aus Eigennutz. Sie gehören zum Spannendsten, was der Diamantenmarkt gerade hergibt, weil die Rechnung so selten klar ist: wachsende Nachfrage, ein Angebot, das nur schrumpfen kann, und ein Preisniveau, das die historische Seltenheit vielerorts noch nicht eingepreist hat. Meine Familie hat einige dieser Steine geschliffen, als sie neu waren. Es hat eine gewisse Poesie, dass ich sie heute wieder einsammle.

Wenn Sie über einen Altschliff nachdenken, für einen Verlobungsring, ein Erbstück oder einfach, weil Sie einmal einen im Kerzenlicht gesehen haben: Ich zeige Ihnen gern beide Welten nebeneinander.
Danach entscheiden Sie.